Hoch Hinaus!

Draußen wehte ein sanfter Wind, der die feinen Zweige mit dem frischen hellgrünen Blätterwerk der hohen, alten Birke majestätisch hin und her wiegte. Vereinzelt tauchten kleine weiße Wolken am Himmel auf und zogen ihre Bahnen.


Die Luft war so mild, dass Anna ohne Jacke das Haus verlassen durfte. So schnell ihre kleinen Beine sie tragen konnten, rannte sie in den großen Garten, lief über den weichen Rasen bis zum äußersten Ende und bahnte sich einen Weg durch die angrenzenden dichten Sträucher...


Anna tastete sich vorsichtig vor  und schob einen Zweig nach dem anderen zur Seite. Die feinen Äste und die harten, spitzen Zweige ragten links und rechts heraus, zeigten in alle Richtungen und machten es den kleinen Armen nicht leicht, sich zur Seite drängen zu lassen. Immer wieder stachen sie in die zarte Haut des kleinen Mädchens, ein Ausweichen war unmöglich. Es tat so weh, die Tränen standen ihm schon in den Augen, als es endlich den hohen Maschendrahtzaun vor sich sah. Kurz schaute Anna nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass kein Nachbar zu sehen war, und kletterte flink wie ein Eichhörnchen über den Zaun, der an dieser Stelle schon leicht verbogen war.

 

Jetzt war der Weg wieder einfach und sie rannte zielstrebig über die Wiese zu dem kleinen Waldstück mit den knorrigen alten Eichen und den schlanken weißen Birken. Schon von weitem hörte sie die Stimmen und das Lachen der anderen Kinder aus der Nachbarschaft. Aufgeregt und ganz außer Atem stand nun auch Anna mittendrin im geheimnisvollen Blätterwerk, umgeben von herabhängenden, verworrenen Ästen, die die Kinder regelrecht zu rufen schienen: „Komm herauf, zeig was du kannst, schau Dir die Welt von oben an! Hab keine Angst, versteck Dich im Laub, ruh Dich auf unseren Astgabeln aus, wir beschützen Dich!“. Die Einladung war so verlockend, dass kein Kind der Versuchung widerstehen konnte, in die Höhe zu schnellen und als Erstes oben zu sein.


Die Jungen waren kräftig gebaut und schienen frei von Angst zu sein. Sie lachten, machten sich gegenseitig Mut, halfen einander, einen Ast nach dem anderen zu erklimmen und schrien vor Begeisterung, je höher sie kamen. Anna war ein zartes Mädchen, noch klein und leicht, ihre Arme reichten kaum bis zum ersten starken Ast. Sie schaute sehnsüchtig nach oben, hörte das Lachen, das Rascheln der Blätter, das Knacken der Äste. Wie sollte sie nur auf den Baum kommen? Immer wieder sprang sie hoch und griff nach einem Ast, um sich festzuhalten und hochzuziehen, so wie alle anderen es auch taten. Aber ihre Arme waren einfach zu kurz. Ganz allein stand sie nun da unter dem mächtigen Baum, die Stimmen und das Gelächter klangen gedämpft durch das dichte Laub zu ihr herunter. Fast füllten sich Annas Augen mit Tränen, da sah sie plötzlich ihren großen Bruder auf dem dicken Ast über ihr sitzen.

 

„Anna, halt dich an mir fest, ich helfe Dir!“ Er beugte sich vor und streckte einen langen Arm mit der kräftigen Hand nach unten, mit der anderen Hand hielt er sich am Ast fest. Annas Herz begann vor Freude zu hüpfen! Sie stellte sich auf Zehenspitzen und umgriff mit beiden Händen den starken Arm, der sie mit einem Ruck nach oben zog. Jetzt schlang sie ihre Beine wie ein kleines Äffchen um den dicken Ast und schaffte das letzte Stück alleine. Glücklich und stolz saß sie nun auf diesem alten, dicken Ast, der schon so viele Kinder getragen hatte, und schaute lächelnd zu ihrem Bruder hinauf. Von oben hörte sie wieder die Stimmen der anderen, jetzt nicht mehr so gedämpft, sondern klar und nah.


Anna ließ die Beine baumeln und atmete tief durch. Von hier sah die Welt ganz anders aus. „Wenn ich größer bin, klettere ich auch nach oben! Ganz allein!“

Ein sanfter Windhauch strich zärtlich über ihre Wange.


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