Das Mädchen und das Farbenmeer

Die Treppe in den ersten Stock hatte dunkle, breite Holzstufen, die fest mit dem Mauerwerk des Hauses verbunden waren. An der rechten Seite befand sich ein metallener Handlauf, den auch eine kleine Hand fest umklammern konnte. 


Um besonders schnell oben zu sein, nahm das kleine Mädchen immer zwei Stufen auf einmal, stets darauf bedacht, die dritte, durchgetretene Stufe zu überspringen, damit es das unheimliche Knatschen nicht hören musste. Nur ein paar Sprünge, und es war oben ....


Aber da gab es noch diese zweite Treppe - schmal, steil und fast schwebend führte sie in den Himmel.  Die braunen, hochglanzpolierten Stufen waren nur in der Mitte durch schmale Balken befestigt.  Der schwarze dünne Eisenhandlauf an der linken Seite war nur zu erreichen, wenn der kleine Arm weit ausgestreckt wurde. Rechts gab es kein Geländer, keinen Halt, nur den Blick in die Tiefe. Das Mädchen atmete tief durch, stieg auf die erste Stufe, hielt sich mit beiden Händen an der dritten Stufe fest und kletterte auf die zweite. Langsam löste sich die rechte Hand und griff nach der vierten Stufe, klebte dort fest und zog magisch die linke Hand nach, um es ihr gleichzutun. Geschafft!
Das ganze noch einmal. Tief durchatmen, zuerst der rechte Fuß, dann der linke Fuß, jetzt die rechte Hand, dann die linke Hand. Wieder etwas höher. Rechts und links der gähnende Abgrund. Nicht nach unten schauen. Durchatmen. Zuerst die Füße, dann die Hände.


Jetzt stieß der kleine Kopf fast an die Decke, das letzte Hindernis  stand noch bevor: die schwere Klapptür musste angehoben, weit geöffnet und mit geballter Kraft so eingedrückt werden, dass die magnetischen Verschlüsse einrasten konnten. Das Mädchen nahm allen Mut zusammen, stellte sich auf die letzte Stufe, umklammerte mit beiden Händen den Türgriff und stemmte sich mit aller Körperkraft gegen die Tür. Es streckte sich, soweit es konnte, nach oben, bis die dicken Magnete ihm zu Hilfe kamen und den Rest der Arbeit übernahmen.

 

Endlich! Die Tür zum Paradies war offen.

 

Das Mädchen kletterte hinein und tauchte ein in ein Meer von Licht und Farbe: Durch das große Fenster in der Dachschräge fiel helles Sonnenlicht auf den riesigen Tisch direkt unter der Schräge. Er war übersät mit Skizzen, Zeichnungen und Notizen. Es gab Stifte in allen Regenbogenfarben und aus den unterschiedlichsten Materialien. Bleistifte und  Buntstifte, Kohlestifte, Pastellkreiden, Tuschefedern und Pinsel.

 

Am Boden stapelten sich große und kleine Zeichnungen. Das Mädchen kniete sich davor und streichelte vorsichtig über das Gesicht auf dem leicht rauhen, cremeweißen Papier: die Ähnlichkeit mit seinem Vater war verblüffend. Vorsichtig hob es mit beiden Händen das große Blatt hoch, um zu sehen, was sich darunter versteckte. Es entdeckte unheimliche, knorrige Bäume, farbenprächtige Blüten, melancholische Gesichter. Es ließ die Blätter wieder auf den Boden gleiten und schaute hoch. An der Wand gegenüber stand eine alte Geige, die gerissene Saite hing traurig und müde herunter.

 

Das Mädchen drehte sich um und sein Blick blieb hängen an der Leinwand auf der Staffelei. Grüne und braune, ockergelbe und orangerote Farbtupfer tanzten um die Wette und glänzten im Sonnenlicht. Woher kam der Glanz? Es ging zur Staffelei, sah viele kleine Farbtuben mit Schraubverschlüssen und nahm eine kleine Palette mit bunten Farbresten in seine Hand. Ein eigenartiger, intensiver Geruch stieg dem Mädchen in die Nase. Mit dem Finger tupfte es ganz kurz in eine dieser kleinen Mulden und verrieb die leuchtend rote Farbe zwischen Zeigefinger und Daumen. Angenehm weich fühlte es sich an, wie eine Creme oder Öl.

 

Seine Entdeckungsreise hier oben war für heute beendet, aber es gab noch etwas anderes, das das Mädchen erkunden musste. So machte es sich auf den Weg nach unten. Die schmale Treppe hatte es wieder einmal besiegt, und schnurstracks ging es direkt auf die nächste Tür zu. Diese war nur leicht angelehnt, und so huschte es ins Zimmer. Da stand sie nun vor ihm, direkt unter dem Fenster, diese schwarze Nähmaschine, die in rasender Geschwindigkeit alles zaubern konnte, was man sich nur vorstellen konnte: Ob Kleider und Blusen, Hosen oder Röcke, selbst Gardinen, Kissen und Taschen waren kein Problem. Nur ganz selten stand die Maschine still, wie in diesem Moment.

 

Das Mädchen drehte sich nach links und erschrak, weil es sich in dem großen Spiegel an der Wand entdeckte. Auf dem Tisch daneben lagen diverse Schnittmuster aus hauchdünnem, blauen Seidenpapier, die einzelnen Teile jeweils zusammengehalten mit einer Stecknadel. Eine große, schwere Metallschere thronte auf dem dunkelblauen Jeansstoff, der zum Teil schon zugeschnitten war. An den Umrissen erkannte das Mädchen sofort, dass es sich um ein Hosenbein handelte. Der andere Tisch rechts neben der Nähmaschine war bedeckt mit einer ca. 1 cm dicken Bügeldecke, darauf standen ein Bügeleisen und ein kleines Bügelbrett. Wie oft hatte es das Mädchen schon gesehen, das sorgfältige Spannen einer Armkugel auf dem kleinen Bügelbrett, das Auseinanderbügeln von Nähten, das Abdecken eines empfindlichen Stoffes mit einem feuchten Tuch ... Die kleinen Finger rieben plötzlich an der Nasenspitze, als der feucht-staubige Geruch bei dem Gedanken wieder in die Nase stieg und sie zum Kitzeln brachte.


Das Mädchen beugte sich nach unten und zog den Vorhang zur Seite, der am Bügeltisch befestigt war und bis zum Boden herab hing. Eine Schatztruhe öffnete sich vor seinen Augen: streichelweicher, tiefroter Samt, schimmernder kobaltblauer Taft, kuschelige Wolle, glitzernde Knöpfe, filigrane Spitzen und etliche Stoffe mit wilden Mustern und tollkühnen Farbkombinationen. Das Mädchen ließ den Vorhang hinter sich fallen und versank in den Tiefen der Schätze. Jeder Stoff fühlte sich anders an, mal war er weich und glänzend, mal rau und hart, dann wieder flauschig, manche Stoffe ließen sich sogar ziehen und dehnen. Als es sicher war, alles genau untersucht und nichts Neues übersehen zu haben, kroch es aus seinem Versteck hervor, verließ das Zimmer und lehnte die Tür wieder an.

 

Schnell lief es die Treppe hinunter und blieb am Ende noch einmal stehen: direkt vor ihm drangen bunte Lichtstrahlen durch einzelne dicke Butzenscheiben herein. Ganz nah drückte das Mädchen seine kleine Nase an jedes einzelne Glasfenster und presste die ausgestreckten Hände auf die Scheiben:

 

Einmal die Welt in klarem Rot, dann in grün und blau, zum Schluss in lila und gelb. Was für Farben! Welch ein Leuchten! 


Das Mädchen strahlte und sprang lachend die letzte Treppenstufe herunter. Es drehte sich noch einmal im Kreis und hüpfte dann nach draußen in den blühenden Garten. Die warme Frühlingssonne streichelte seine Haut.


Suchfunktion